Anti-Amerikanismus – jetzt ist er wohlverdient und doch nur ein kleiner Teil des eigentlich viel größeren Problems
Lange habe ich mich gegen Anti-Amerikanismus gewehrt und auch den sonst von mir sehr geschätzten Volker Pispers etwas argwöhnisch angeschaut, als er vor vielen Jahren seine inzwischen recht berühmten Sätze
Ich weiß, mein Kanzler hat gesagt, wir sollen keinem oberflächlichen Antiamerikanismus frönen. Meiner ist aber gar nicht oberflächlich. Ich habe auch nichts gegen Amerika. Ein wunderbares Land. Das Problem sind die Menschen, die da leben. Die Gemütsverfassung der meisten Amerikaner ist mit naiv sehr wohlwollend umschrieben. Von der Welt wissen die Amerikaner nämlich nur eins: Wir sind die Guten
in einem seiner Auftritte platziert hat. (Leider versuchen ihn die Neurechten heute zu vereinnahmen, ohne zu verstehen, was Pispers eigentlich sagen wollte.)
Carney, der Premierminister von Kanada hat es nun in seiner weltweit bejubelten Rede in Davos im Januar 2026 noch klarer auf den Punkt gebracht:
For decades, countries like Canada prospered under what we called the rules-based international order. We joined its institutions, we praised its principles, we benefited from its predictability. And because of that, we could pursue values-based foreign policies under its protection.
We knew the story of the international rules-based order was partially false that the strongest would exempt themselves when convenient, that trade rules were enforced asymmetrically. And we knew that international law applied with varying rigour depending on the identity of the accused or the victim.
This fiction was useful, and American hegemony, in particular, helped provide public goods, open sea lanes, a stable financial system, collective security and support for frameworks for resolving disputes.
Beide, obwohl die Sätze über ein Jahrzehnt auseinander liegen, haben vollkommen Recht.
Wir haben die Augen verschlossen und das schäbige Spiel der USA mitgespielt. Weil es uns genützt hat. Weil wir profitiert haben. Weil wir nicht auf der “falschen” Seite standen.
Jetzt stehen wir auf der falschen Seite, denn aus Sicht des orangen möchtegern-Diktators sind wir alle Gegner. Trump lügt und erpresst, wie es ihm in den Kram passt. Hauptsache er profitiert am Ende davon.
Die vorherigen Präsidenten und ihre Regierungen haben sich wenigstens die Mühe gemacht, ihre Agenda in wohlfeile Worte zu verpacken und mit “Demokratie” und “Freiheit” zu tarnen.
Trump grölt einfach nur sein tumbes “Make American Great Again!” heraus und das muss als Rechtfertigung reichen. Damit werden absurde Zölle gerechtfertigt, Rohstoffe erpresst und Staatslenker entführt.
Seine Gefolge wirft sich dem großen Führer ehrfürchtig zu Füßen, um in der anderen Richtung rücksichtslos gegen die Schwächsten zu treten, zu schlagen und inzwischen auch zu schießen. Die Tech-Oligarchen um Thiel, Ellison, Musk und Bezos enablen Trump dabei nach Kräften, denn sie glauben, davon profitieren zu können und ihrem sagenhaften Reichtum weitere Milliarden hinzufügen zu können. Keiner von denen hat mehr Geld überhaupt noch nötig – aber die Gier eint sie in ihrer Speichelleckerei.
Die Parallelen zu einer Zeit knapp 100 Jahre früher sind dabei kaum zu übersehen. Auch damals waren es die Großindustriellen um Thyssen, Flick, Krupp, Klöckner, Vögler und wie sie allen hießen, die sich Hitler früher oder später andienten, weil sie davon zu profitieren glaubten. Sie haben auch damals nicht selbst getreten, geschlagen oder geschossen – aber sie haben den Weg entscheidend mit bereitet.
Es ist immer das gleiche Spiel: Die Großindustrie hofiert Rechtsextremisten.
Der Gedanke, dass Kapitalismus und Faschismus zwei Seiten der selben Medaille sind, drängt sich dabei förmlich auf.
Nun will ich hier nicht dem Sozialismus oder dem Kommunismus das Wort reden – zumindest nicht in irgendeiner der Formen, die im letzten Jahrhundert allesamt bereits krachend gescheitert sind. Aber dass wir einen neuen Gesellschaftsentwurf brauchen, sollte wohl jeder erkennen, der nicht mit Scheuklappen durch die Welt schleicht oder selbst hechelnd der Hoffnung auf das schnelle Geld hinterher rennt.
Denn auch von anderer Seite, der ökologischen, hat der Kapitalismus das Ende der Fahnenstange erreicht. “Mehr, mehr und noch mehr” ist kein nachhaltiger Wahlspruch, der in einer endlichen Welt realistisch durchhaltbar wäre. Und auch eine unendliche Optimierung, wie sie von den Jüngern des unendlichen Wachstums als neue Spielverlängerung ins Feld geführt wird, ist einfach nicht realistisch.
Natürlich gibt es Optimierungen. Dauernd. Die gab es schon immer. Aber dieser Optimierungen führen eben nicht zu einer Einsparung an Ressourcen, sondern lediglich zu einem noch intensiveren Verbrauch.
Das jüngste und vielleicht beste Beispiel ist der KI-Hype, der mit Versprechungen nach einer neuen Ära gestartet, nun einfach nur ein grenzenloser Ressourcenfresser geworden ist. Rohstoffe, Energie, Arbeitskräfte, Nerven und Geduld – die OpenAIs dieser Welt fressen wie Heuschrecken alles ratzekahl und verlangen trotzdem noch nach “Mehr, mehr und noch viel mehr!”
Welche Innovation in der Geschichte – egal wie viel Optimierung sie gebracht hat – hat je dazu geführt, dass wir mit weniger zufrieden waren, Ressourcen gespart haben? Ich kenne keine einzige.
Wir müssen raus aus diesem Teufelskreis. Wir müssen raus, um unsere Zivilisation zu retten. Wir müssen raus, um unsere Umwelt in einem Zustand zu erhalten, in dem wir überleben können.
Und dazu müssen wir Leute wie Trump, Bezos, Musk, Ellison und Thiel stoppen, bevor es zu spät ist, es gar nichts mehr zu retten gibt oder die Rettung erst erfolgt, nachdem sie noch unfassbarere Opferzahlen gefordert hat, als es schon jetzt der Fall ist.
Es wird schwer, mühsam, schmerzhaft und vermutlich auch verlustreich, diese Bewegung jetzt noch zu stoppen. Zu lange haben wir weggesehen, da es uns selbst ja nicht betroffen hat. Jetzt betrifft es zunehmend Leute wie uns und in Minneapolis dürfen wir derzeit die widerliche Fratze des wachsten Faschismus beobachten, während in Deutschland die billige MAGA-Kopie nach einer ICE-artigen Behörde verlangt. Bisher hat die Union so ziemlich alles geliefert, was die AfD haben wollte. Manchmal erst mit ein paar Jahren Verzögerung, manchmal schneller. Aber sie haben geliefert. Immer und immer wieder. Genauso wie vor knapp 100 Jahren, als die Vorgänger der heutigen Union erst halbherzig gekämpft und dann willfährig den Steigbügelhalter gespielt haben.
Wollen wir wirklich die Geschichte wiederholen und lernen wieder erst durch unendlichen Schmerz, wenn es bereits viel zu spät ist?
Quellen: https://www.titanic-magazin.de/humorkritik/2014/juni/hk/giftmuell-4/ https://www.weforum.org/stories/2026/01/davos-2026-special-address-by-mark-carney-prime-minister-of-canada/ https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Findustrie_und_Aufstieg_der_NSDAP