Wer im Casino wirbt, macht nur die Bank reich

Stell dir vor, eine Partei mietet einen Marktstand – aber der Marktplatz gehört einem Privatmann, der jederzeit entscheiden kann, ob er den Stand duldet, versteckt oder einfach abreißt. Der Vermieter bestimmt, wer deinen Stand überhaupt sieht. Und er verkauft denselben Platz gleichzeitig an deine politischen Gegner.

Das ist Facebook. Das ist Instagram. Das ist TikTok. Das ist YouTube.


Diese Plattformen sind keine Bühnen. Sie sind Maschinen. Ihr einziger Zweck ist es, Aufmerksamkeit zu erzeugen und zu verkaufen – nicht Meinung zu bilden, nicht Demokratie zu stärken. Was bei ihnen funktioniert, ist nicht das Durchdachte, sondern das Empörende. Nicht das Differenzierte, sondern das Einfache. Nicht das Wahre, sondern das Klickbare.

Wer dort kommuniziert, passt sich unweigerlich dieser Logik an. Man beginnt, für den Algorithmus zu schreiben, nicht für die BürgerInnen.


Und es geht nicht nur darum, wem die Plattform gehört. Es geht auch darum, wer sonst noch dort das Wort ergreift.

Auf diesen Plattformen sitzt die demokratische Partei Tisch an Tisch mit Verschwörungstheoretikern, Rechtsextremisten und professionellen Lügnern. Nicht weil sie es so gewählt hat – sondern weil der Algorithmus alle gleich behandelt. Reichweite bekommt, wer Aufmerksamkeit erzeugt.

Und Empörung erzeugt mehr Aufmerksamkeit als Vernunft.

Das hat einen Preis. Wer dieselbe Bühne teilt, teilt auch deren Glaubwürdigkeit – in beide Richtungen. Der Auftritt der seriösen Partei wertet die Plattform auf. Und die Plattform zieht den Auftritt auf ihr Niveau herunter. Wer neben dem Stammtisch der Extremisten steht, muss sich nicht wundern, wenn die Zuschauer irgendwann nicht mehr genau wissen, wo der Unterschied liegt.

Das ist kein Zufall. Es hat Methode.


Dazu kommt: Jede Partei, die auf Meta, Google oder TikTok baut, errichtet ihr Haus auf fremdem Grund. Heute steht es. Morgen ändert der Eigentümer die Regeln – oder die Reichweite verschwindet still und leise hinter einer Paywall.

Elon Musk hat vorgemacht, wie schnell ein Netzwerk zur politischen Waffe umgebaut werden kann. Zuckerberg hat öffentlich kapituliert. Und TikToks Algorithmus stammt aus dem Hause ByteDance – ein Unternehmen, das chinesischem Recht unterliegt und Peking auf Verlangen Einblick gewähren muss.


Stell dir vor, du holst deine Post nicht mehr selbst aus deinem eigenen Briefkasten. Stattdessen liegt sie beim Nachbarn – der sortiert sie, legt manche Briefe obendrauf, andere ganz nach unten, und einige verschwinden ganz still in seiner Schublade. Du weißt nie, was wirklich angekommen ist.

Dieser Nachbar vermietet außerdem Briefkästen an deine politischen Gegner. Und an Werbetreibende. Er verdient an jedem Brief, der durch seine Hände geht – egal wessen.

Dann ziehst du um. Neues Haus, neue Adresse. Aber deine Post liegt immer noch beim alten Nachbarn. Denn dorthin haben die Leute gelernt zu schauen. Nachsendeauftrag? Fehlanzeige!

Das ist der Moment, in dem eine Partei merkt: Sie hat nie eine eigene Adresse gehabt.


Die eigene Infrastruktur ist kein Luxus. Sie ist das Fundament. Wer seine Kommunikation Plattformen anvertraut, die Profit, Algorithmus und Eigentümerinteressen über alles andere stellen, der hat die Kontrolle über seine Botschaft längst abgegeben – und zahlt auch noch dafür.

Es gibt Alternativen. Offene, dezentrale Netzwerke – das sogenannte Fediverse – gehören niemandem. Kein Konzern dreht dort den Algorithmus, kein Milliardär kann sie über Nacht zur Waffe machen. Sie sind das Gegenteil von Facebook: öffentliche Plätze statt privater Einkaufszentren.

Aber diese Plätze brauchen Menschen. Und Menschen kommen nur, wenn jemand den Anfang macht.

Wer als Partei aus ökonomischen Gründen – weil es schwieriger scheint, dort Reichweite aufzubauen, weil der Aufwand größer ist – ausschließlich auf die kommerziellen Plattformen setzt, zwingt seine Anhänger indirekt dorthin. Wer der Partei folgen will, muss einen Facebook-Account haben. Muss TikTok installieren. Muss akzeptieren, was diese Plattformen mit seinen Daten, seiner Aufmerksamkeit und seinem Weltbild machen.

Eine demokratische Partei, die das billigend in Kauf nimmt, hat aufgehört, über ihre eigenen Werte nachzudenken.


Und ja – die meisten Leute sind auf TikTok, Instagram, YoutTube und Facebook.

Das stimmt! (Zumindest, wenn man die ganzen Bots mitzählt.)

Aber wer nur dort spricht, wo ein anderer das Mikrofon hält, darf sich nicht wundern, wenn eines Tages kein Ton mehr kommt, weil das Mikrofon weg ist und man kein eigenes hat ...